Pilgrim of the Hours

So furchtbar viel Zeit zu malen habe ich nicht. Viel zu wenig für meinen Geschmack.

Gleitet mir die Zeit durch die Finger?

Vorbei sind die endlosen Tage und Jahre der Kindheit und der Jugend – dauerte die Zeit zwischen Osterferien und Sommerferien nicht immer endlos? Ich erinnere  mich genau wie früh morgens das Licht durch die geschlitzten Jalousien einfiel und ich mich ans Fenster stellte und auf den Sonnenaufgang schaute und der Sommertag endlos vor mir lag. Anziehen, in den Garten, rumlungern bis ich Mama sagen konnte, dass ich jetzt in den Wald ging und da war ich an  Sommertagen zu Hause.

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Nichts tuend.

Tiere, Bäume, Licht und Schatten beobachtend. Insekten (sehr schön igitt).

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Vor Menschen verborgen.

Von Kapelle zu Kapelle wandernd.

Frei in Raum und Zeit.

Heute ist der ganze Tag durchgetaktet. Aufstehen, Kaffee, Kinder parat, sie Schule, Mann und ich Arbeit, arbeiten, heimkommen, kochen, begrüßen, essen, aufräumen, Kaffee, Hund, Hausaufgaben, Hausarbeit, Chaffeurdienste, irgendwann auch noch Fernsehen und zwischen allem Mal-Minuten. Dann ins Bett. Das ist der Alltag. Feiertage, Treffen mit Freunden, besondere Events mal zwischendurch, auch der  Urlaub. Das ist das Leben.

Eigentlich schön und manchmal auch nicht.

Eigentlich frei, aber mit vielen Zwängen. Selbstgewählte Zwänge, die ich eigentlich doch mag.

Es tut mir gut, inne zu halten. („‚Wen?‘ ‚Inne!‘ ‚Ist das seine Tante?‘ Zitat aus Phineas und Ferb).

Wen halte ich, wenn ich innehalte? Ich halte mich selbst. Für einen Moment jenseits von Zeit und Ort und Zwängen. Ich wende mich mir zu und dem Heiligen. Verschiebe meine Wahrnehmung vom Alltäglichen ins Besondere und dann kann das Alltäglichste besonders und heilig sein.

Oft ist das Malen wie ein Innehalten im Alltag. Obwohl das Malen für mich alltäglich ist. Aber meine Absicht (Intentional!) ist immer das Besondere und Heilige im Alltäglichen zu sehen. Denn:

Das tut gut.

Danach mach ich fröhlicher weiter. Womit auch immer.

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Was ist eine Huppicke?

Eine Huppicke ist in der alten Redeweise meiner Heimat zunächst ein Pfeifchen oder Flötchen, dass aus dünnem Weidenholz gemacht wurde. Die quäkigen Dingelchen, die der Papa früher den Kindern beim Waldspaziergang auf die Schnelle machte, kaum so lang wie der kleine Finger.

And be a friend to woman and man - Detail

Und wisschenschaftlich: Ein Bastlösereim! „Huppicke, huppicke, sape…“

Eine Huppicke, so steht es im Buch über die Gemeinde Wenden, sei aber auch ein unscheinbares Mädchen.

Tante Magdalene aber, die 7 Häuser weiter die Straße hoch wohnt, hielt vorm Kinderwagen an, betrachtete mein erstgeborenes Baby, hörte eine zeitlang dem wütenden Quäken zu (es wollte mal wieder nicht einschlafen) und rief dann voller begeisterter Zuneigung: „Neee! Wat n Huppicke!!!“ Und als ich dann später bei meiner Mutter nachfragte, da sagte die: „Ein kleines Mädchen, das immer gleich rumquaken muss, immer ein bisschen zu laut und zu vorwitzig und zu tolldreist.“

Und weil ich gerne ein bisschen lauter und vorwitziger, abenteuerlicher und tollkühn sein wollte, nahm ich Huppicke als Namen an.

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Ein Unfall und seine Folgen

Ende Juli 2016 hatte ich einen Autounfall. Ich fuhr an einem Freitagmorgen den üblichen Weg zur Arbeit. In der Nacht wollten wir zur Bretagne aufbrechen. Aber im ersten Wäldchen kamen mir zwei Autos entgegen, sehr schnell und etwas zu weit in der Mitte, ich lenkte ein wenig nach rechts und fand, mein Auto würde merkwürdig reagieren. Die Autos waren vorbei und ich lenkte sanft um mich zu vergewissern, dass alles funktionierte. Doch es funktionierte nicht. Das Auto ließ sich nicht lenken. Ich ging vom Gas und bremste, auch das Bremsen funktionierte nicht. Ich hatte das Auto nicht unter Kontrolle. Ich fühlte nur kurz Angst, keine Panik, sagte mir: Ich überlebe das jetzt. Für die Kinder und meinen Mann. Schloss die Augen und wurde durchgerüttelt, hörte sausen, brausen, rascheln, knacken, brechen und dachte: Ich überlebe das und es wird gut, egal wie. Als alles stille stand öffnete ich die Augen und sah, dass das Auto auf der Seite lag und ich vom Gurt gehalten wurde. Ich war bei Verstand und konnte alle Gliedmaßen bewegen.

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Im Auto war Rauch und für einen Moment geriet ich in Panik, weil ich dachte, es könnte brennen. Ich löste den Gurt und ließ mich auf den Boden. Glassplitter und Sachen, die durchs Auto geflogen waren. Ich merkte, dass mein Rücken sehr schmerzte. Er war steif und schwer. Ich konnte die Tür über mir nicht aufdrücken, aber ich sagte mir: ich komme hier raus.

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Ich hörte draußen Autos anhalten und Männerstimmen. Vertrauen, dass man mir hilft. Noch bevor ich nach hinten kletterte, öffnete mir ein Mann die Fahrertür über mir. Ich kletterte selbst raus. Ein anderer Mann  stand neben dem Auto, ich glitt hinunter in seine Arme. Es geht mir gut, sagte ich, ich bin nicht schwer verletzt. Die Männer sprachen mit mir, miteinander, dass der Notarzt verständigt sei, die Unfallstelle abgesichert. Ich legte mich an den Straßenrand, weil ich wusste, dass es besser für meinen Rücken sei. Beruhigte die besorgten Helfer, drei Männer. Es dauerte fast eine halbe Stunde bis der Notarzt kam. Mein Mann kam vorher.

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Im Krankenhaus stellte man fest: 3. Lendenwirbel, Deckeneinbruch. Der Mann kam mit den Kindern. Sie weinten. Ab aufs Zimmer. Am Montag operiert. Davor Schmerzen, danach Schmerzen. Davor so starke Schmerzen, dass ich fast ohnmächtig wurde, als ich mich aufsetzte. (Die Krankenschwestern hatten dazu ermutigt: „Sie können  nichts mehr kaputt machen, das geht!“)

Aber die ganze Zeit war ich unendlich dankbar. Überlebt. Ich dachte über den Unfall nach und merkte: Ich hatte mich die ganze Zeit beschützt gefühlt. Und das immer noch. Ich wurde beschützt. Von allem. Gott. Der Technik. Der Natur. Guten Mächten.

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Ich fragte mich, ob es mir nun passieren würde, wovon ich so oft gelesen hatte. Das mein Leben nun anders würde, weil ich anders wäre, jemand besseres, intensiveres, mehr ich als zuvor. Und ich hoffte, dass mir das passieren würde. Merkte aber schnell, dass ich ganz die alte war. Nur die Dankbarkeit war so groß. Und als ich wieder zu Hause war erinnerte ich mich an die Dinge, die ich von Shiloh Sophia McCloud über Intentional Creativity gelernt hatte und nahm Pappe und Pinsel zur Hand. Und dabei entstand das Bild ohne Namen. Das allererste ohne Anleitung. Mein ureigenes.

Titel: Vom Leben selbst beschützt.

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Und seither habe ich täglich absichtsvoll gemalt.

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